Zu Besuch bei Sticknlisten

*Werbung/unbezahlt*

Die Idee klingt absurd, macht aber Sinn: Sticknlisten ist eine interaktive Hörspiel-Krimi-Stick-Kombination. Wenn die Ermittlungen der Bremer Detektive einen Schritt weiter kommen, bekommt der Zuhörer ein Lösungswort als Anleitung für den nächsten Stick-Schritt. Am Ende vervollständigt sich das auf T-Shirt, Turn- oder Jutebeutel  zu einem Motiv. Malen nach Zahlen für Handarbeits-Nerds und Hörspiel-Fans.

Hinterm Deich wird’s also skurril. Ein eigenbrötlerischer Nerd ist der Bremer Lukas Stegemann aber nicht. Im Gegenteil, das Netzwerken, das Zusammenbringen und Verbinden liegt ihm besonders. Die Sätze, die später im Gespräch immer wieder fallen, gehen nämlich so: „Ich hab nen Kumpel, der ist eigentlich dasunddas, kann aber auch dasunddas und hat das dann …“ oder „Der Kumpel von nem Kumpel von nem Freund hat zufällig dasunddas gehabt/gekonnt/gemacht und den hab ich einfach gefragt.“

Sticken und Zuhören

Einladend öffnet Lukas Silvi und mir die Tür des typischen Altbremer Hauses in der Östlichen Vorstadt von Bremen. Im lichtdurchfluteten 1. Stock sitzen wir an geschmackvollen Vintagemöbeln und lassen uns im schönsten Bremer Schnack von dem Projekt erzählen, das der heutige Lehrer seit seiner Studentenzeit mit viel Herzblut realisiert.

„Der Zufall spielt ja immer eine große Rolle“, sagt er. Der hat zumindest nicht unerheblich dazu beigetragen, dass es Sticknlisten (s-tick, hanseatisch ausgesprochen wie der s-pitze S-tein) jetzt schon im sechsten Jahr gibt. 2011 saß er mit einem Freund studentenklamm zusammen, beide haben kaputte Hosen geflickt und dabei „Die drei ???“ gehört. „Das passte irgendwie.“ Wer ab und zu in öder Vereinsamung handarbeitet oder bastelt, kann das gut nachvollziehen: Sticken und Zuhören, stick n listen, das funzt zusammen so gut wie Rock n Roll. Der Rest der Entstehungsgeschichte klingt dann fast wie ein Selbstläufer.

Public Listening

Aus der Flickaktion wurde im Siebdruckkurs des damaligen Studenten (Kunst und Spanisch) ein Konzept und dann eine Semesterarbeit. Weil Lukas als DJ in einem Bremer Club, dem Tower, aufgelegt hat und also auch da gute Kontakte hatte, konnte er dort eine „Hörspiel Release Stickparty“ veranstalten. Public Listening quasi. Das Event gibt es dort heute noch zum Launch jedes neuen Hörspiels, das von den “drei ???” inspiriert ist – jährlich im Dezember zur weihnachtlichen Gemütlichkeit. In diesem Jahr kommt die 6. Folge raus, mittlerweile hat Sticknlisten eine treue Fangemeinde und konnte lokale Prominenz wie die Musiker Flomega oder FlowinImmO zur Mitwirkung gewinnen. Ein Coup war sicher auch von Anfang an die Beteiligung des ehemaligen und sehr beliebten Bürgermeisters Henning Scherf, der nach wie vor den Erzähler spricht. Er habe ihm einfach einen Brief geschrieben und gefragt, woraufhin seine Sekretärin geantwortet hat. „Und dann bin ich mit meinem Equipment ins Rathaus gegangen und habe ihn einsprechen lassen.“ Einfach so.

Einfach so? Was sich so easy als spaßige Studentenaktion anhört, war ein enormer Kraftakt. Es musste ja nicht nur ein ganzes Hörspiel konzeptioniert werden, woraus sich ein Motiv für ein Stickrätsel generieren ließ, das alles musste dann ja auch noch im Hinblick auf die Stickparty produziert und realisiert werden. Alleine geht das niemals.

Do it yourself, sonst macht es keiner

„Bei der ersten Folge habe ich meinen Bruder rekrutiert und wir haben uns ein Wochenende lang in der Uni im Siebdruck-Keller verschanzt.“ Jeder Beutel, jedes T-Shirt wurde von Hand bedruckt. Für das Hörspiel selbst hat Lukas „ein paar Leute zusammengetrommelt, die sich untereinander nicht kannten. Damals habe ich das Mikro zu Hause an die Decke gehängt und geguckt, dass die Nachbarn nicht zu laut sind, danach habe ich alles am Rechner mit Audacity zusammengeschnitten. Das war der Wahnsinn, weil alles do-it-yourself-mäßig war. Ich musste ja auch noch alle CDs brennen, wofür ich eine Brennparty mit einer Kiste Bier und 20 Leuten bei mir organisiert habe. Und die Cover haben wir auch noch selbst gefaltet.“

Mittlerweile hat sich das Unternehmen professionalisiert. Das Hörspiel wird in einem Studio (das dem Freund von einem Kumpel eines Kumpels gehört) produziert, es gibt eine richtige Website (die der Freund gemacht hat, der eigentlich Oboist ist), Lukas Frau Sarah entwirft die Motive, die er inzwischen auf den Stoff drucken lässt, eine befreundete Designerin gestaltet das Artwork der CDs, der Vertrieb der Stickpakete (mit CD, T-Shirt/Beutel, Nadel und Faden) ist mittlerweile auch ausgelagert. Das Kern-Team besteht aus ca. 30 Leuten, die alle in anderen Zusammenhängen arbeiten, für das Projekt aber immer wieder gerne in Bremen zusammenkommen. Mehr als eine Folge pro Jahr kann und will Lukas aber erstmal nicht schaffen und Sticknlisten bleibt vorerst eine Nebentätigkeit. Eine Nebentätigkeit, aus der sich mittlerweile richtige Freundschaften entwickelt haben.

Das Megaformat

Nach unserem zweistündigen Gespräch über angelerntes Storytelling und Sounddesign, über Freundschaften und Bremer Detektive, fügen sich Lukas und Sticknlisten zu einem Bild zusammen. Und auch das macht Sinn. Offenbar hat er ein unglaubliches Talent zu gemeinschaftsstiftenden Aktionen und kann seine Mitmenschen zur Verwirklichung solch schräger Ideen motivieren. Für einen Pädagogen ist das schon mal eine ganz gute Kernkompetenz. Verschiedene Trends wie Public Krimi-Viewing mit den Revivals von Turnbeuteln und Handarbeit und einem Kult um Detektiv-Hörspiele zu mixen, zu kombinieren und eine Party draus zu machen, braucht vielleicht die Chuzpe eines DJs. Und dass die T-Shirts und Beutel schweinegut aussehen und diesen ästhetischen Supermehrwert haben, macht Sticknlisten zu einem Megamix von guten Sachen. Ich bin gespannt, was sich noch alles daraus entwickelt. Denn klar ist, dass Lukas die schrägen Ideen noch lange nicht ausgehen.

Schaut es euch an. Viel Spaß beim Sticknlisten: www.sticknlisten.de.

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