Was ist eigentlich: Handlettering

Handlettering oder Die Kunst schön zu schreiben, ist gerade groß im Rennen. Ob schöne Einladungskarten, Danksagungen oder selbstgemachte Motivationsposter, die eleganten und/oder verspielten Schriftbilder beeindrucken momentan fast überall. Zeit für einen Selbstversuch.

“Mh. Schön ist‘s nicht“, denke ich und zerknülle das, was eigentlich mal ein/e hübsche/r Geburtstagsgruß/Postkarte/Lebensweisheit/you name it werden sollte. Bei den Anderen sieht das immer so einfach aus. Ich wünschte, ich könnte auch so kunstvoll schreiben, wie man es oft auf den Menü-Tafeln angesagter Cafés oder in jedem zweiten inspirational Instagram-Feed sieht. Mein Wunsch ist mir Befehl: Ich bringe mir Handlettering selbst bei. Und dir gleich mit.

Irgendwie habe ich keine richtigen Hobbies. Zählten Serien als Hobby, könnte ich binnen weniger Minuten zehn meiner liebsten Freizeitaktivtäten aufzählen. Aber nein: Netflix & chill gilt nicht. Wenn auf Parties irgendwann der Punkt erreicht ist, an dem sich alle ihre geheimen Talente offenbaren, bin ich immer die, die nur ihre Zunge rollen kann. Was anderes? Fehlanzeige. Lieber beneide ich andere um ihr Talent. Ich bin es leid mir die ganze Zeit immer nur zu wünschen, ich könnte dieses gut und jenes noch besser. Ich mache es jetzt einfach. Wie war das? Was man nicht tut, passiert nicht. Deswegen wird auch ganz bald ein E-Piano in mein Wohnzimmer einziehen, mit dem ich endlich meine Skills aus dem Keyboard-Unterricht von vor 20 Jahren auffrischen und weiterentwickeln kann. Außerdem steht noch ein Tanzkurs auf der To-Do-Liste. Aber eins nach dem anderen. Erstmal wird Handlettering gelernt. Und was für ein Glück: wir leben im digitalen Zeitalter. Niemals zuvor war es einfacher, sich selbst etwas beizubringen und sich weiterzubilden. Das Internet hält abertausende Tutorials bereit.

Wie das geht, ist nur einen Klick entfernt

Ich tippe das Wort Handlettering in die Suchmaschine. Bei der Bildersuche rauscht mir ein Wust an inspirierenden Zitaten und hübsch geschwungenen Buchstaben entgegen. Allesamt handmade. Ja, genau das will ich auch. Also krame ich Fineliner und einfaches Druckerpapier hervor und beginne damit, vor mich her zu kritzeln. Pardon, zu zeichnen. Denn auch, wenn viele der Schriftzüge aussehen, als seien sie leichtfüßighändig aufs Papier geflossen, stecken hinter den meisten von ihnen mehrere Skizzen, mit Lineal gezogene Hilfslinien, mehrere wegradierte Bleistiftzeichnungen, viel Geduld und eine ruhige Hand.

Bevor ich mich an einen ganzen Spruch wage, reicht mir fürs Erste das bloße Üben einzelner Worte. Da geht auch mal was schief. Genauso bin ich aber überrascht, wie es mir gelingt, mit ein paar kleinen Akzenten den Schriftzug wirklich nach was aussehen zu lassen. Der einfachste Trick ist es, die Striche, die nach unten führen dicker zu zeichnen, als die Aufstriche. Mit den Finelinern zeichne ich diese Verdickungen einfach nach und male sie aus. Das Ganze nennt sich dann Fake bzw. Faux Calligraphy. Echte Kalligraphie entsteht durch Tinte und Feder und wird in einem durch geschrieben, während beim Handlettering eher gezeichnet und gemalt wird.

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Auf YouTube stoße ich auf Frau Hölle, eine der wenigen deutschsprachigen Kanäle, die in ausführlichen Videos zeigt, wie es geht. Auch im Real-Life bietet sie Workshops an und bearbeitet schriftmalerische Aufträge. Auf ihrer Internetseite (www.frauhoelle.com) lade ich mir ihren Brush Lettering Guide für Anfänger herunter und übe damit wie einst in der ersten Klasse jeden einzelnen der 26 Buchstaben, in Groß und Klein. Jedoch nicht ohne die richtigen Stifte. Fürs Brush Lettering benötige ich sogenannte Brush Pens mit Schwämmchenspitze. Ich entscheide mich für zwei Pens der Firma Tombow (bei ebay für je 3,19 EUR), laut Frau Hölle die Stifte, die am besten für den Einstieg geeignet sind.

Üben, üben, üben

Wichtig beim Brush Lettering ist der Druck, mit dem der Stift auf das Papier aufkommt. Für die Linien nach unten, wird der Stift stark aufgedrückt, sodass die schönen, dicken Linien entstehen. Beim „Aufstieg“ gleitet der Stift nur ganz leicht nach oben und zeichnet eine filigrane Linie. Mit meiner zittrigen Hand ist das gar nicht so einfach und es Bedarf einiges an Übung diesen Druckausgleich in einem Schwung durchzuziehen.

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Übung! Das Wort, das mir bei meiner Recherche zum Thema Hand- und Brush Lettering am häufigsten begegnet. Jeder einzelne Künstler, der auf YouTube sein Können präsentiert, wird nicht müde zu erwähnen, dass es mindestens einige Monate täglicher Übung bedarf, bis die einzelnen Schriftarten verinnerlicht sind, Schriftzüge leicht von der Hand gehen und man seinen eigenen Stil gefunden hat.

Erst abgucken, dann selbst kreieren

Nachdem ich das Alphabet einmal durchexerziert habe, schnörkele ich wieder vor mich hin. Für Inspiration oder das schnöde Abgucken, sind Pinterest, Instagram und YouTube immer zur Stelle. Außerdem drucke ich mir ein paar Sprüche und Worte in meinen Lieblingsschriftarten aus und versuche sie nachzuahmen. Nach und nach bekomme ich ein Gefühl für die verschiedenen Schriftarten und die Art und Weise, wie ich sie aufs Papier bekomme. Manchmal braucht ein ganzes Wort ein paar Minuten. Manchmal lässt sich der Schriftzug locker aus dem Handgelenk schütteln. Das Rumprobieren macht wirklich Spaß und lässt sich hervorragend mit meinem alten Hobby, dem Seriengucken, verbinden.

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Nach dieser Session sehe ich aus, als hätte ich ein ganzes Zimmer gemalert. Ich merke es gar nicht, aber ich scheine sehr oft, beim Schließen des Stiftes daneben zu hauen. Und ich bemerke langsam, dass es gar nicht so unwichtig ist, das richtige Papier zu benutzen. Mein in den letzten Tagen hochstrapazierter, schwarzer Pen beginnt auszufransen und die Freude damit zu lettern, schwindet damit immer mehr. Besonders die filigranen Aufstriche ziehen Schlieren. Mein weniger benutzter Pen in Ocker sieht dagegen noch taufrisch aus. Das Problem ist die Struktur des Papiers, die das Schwämmchen des Pinsels aufrauht und ausfransen lässt. Um das Ausfransen zu vermeiden, sollte bestenfalls glattes, gestrichenes Papier verwendet werden. Dieses Papier erhält nicht nur die Lebensdauer des Stiftes, sondern auch die Lebensdauer der Farbe. Sie strahlt besser und verwischt oder verblasst beim Radieren nicht. Um herauszufinden, ob das Papier gut zu deinen Stiften ist, kannst du am besten mit geschlossenen Augen sanft über das Papier streichen. Spürst du die Struktur, ist das Papier durchgefallen. Ist es schön glatt, kannst du es benutzen. Die Stifte werden es dir danken.

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Meine Letterings möchte ich in einem Notizbuch sammeln. Endlich habe ich eine Verwendung für eines der vielen Büchlein gefunden, die ich seit Jahren horte und doch nie weiß, was zum Henker ich da alles reinschreiben soll. Das Papier im Notizbuch meiner Wahl besteht überraschendeweise den Streicheltest und ich kann drauf los lettern.

Wer nach Inspiration sucht und seine kleinen Kunstwerke auch gern mal vorzeigen und mit anderen vergleichen möchte, kann bei einer der zahlreichen Handlettering-Challenges (#letterattackchallenge initiiert beispielsweise von Frau Hölle oder #theletterschallenge) teilnehmen. Zum Anfang eines jeden Monats werden Sprüche und Worte zu bestimmten Themen veröffentlicht. Jeder darf mitlettern und sein Kunstwerk mit dem passenden Hashtag versehen.

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Im Schrank habe ich letztens zwei kleine Leinwände plus Mini-Staffelei gefunden. Wenn das nicht mal dazu einlädt auch mal einen echten Brush, also Pinsel auszuprobieren, dann weiß ich auch nicht. Anlässe finden sich im engeren Umfeld zur Genüge. Hier wird umgezogen, da wird zur Schule gekommen. Ich werde weiterhin fleißig und täglich üben und lasse dich auf unserem Instagram-Account gern wissen, was aus meinem Vorhaben geworden ist.

Aber ich bin guter Dinge, Leinwände lassen sich ja leider auch eher schwer zerknüllen.

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