Sticken im Trend – Comeback der Handarbeit

Sticken ist das neue Stricken. Wer sich für DIY und Handarbeit interessiert, hat sicher schon bemerkt, dass es sich dort seit einiger Zeit wieder verstärkt um Nadel und Faden dreht. Wir zeigen euch hier, wie vielfältig diese uralte textile Technik heute sein kann.

Ich habe immer gerne alle möglichen Basteltrends und Handarbeits-Hobbies ausprobiert – ob Schmuck aus Fimo oder selbstgestrickte Kleidung. So richtig Hängengeblieben bin ich aber nur beim Sticken. Angefangen mit einfachem Kreuzstich, bei dem man sich das Muster pixelartig aufbaut, bin ich jetzt dazu übergegangen, mehr oder weniger freihand mit der Nadel zu „malen“, hauptsächlich Vögel. Mir gefällt die Vielfalt und die schier unbegrenzten Gestaltungsmöglichkeiten des Mediums. Außerdem ist es relativ zugänglich, man braucht nicht viel Material und kann seine Stickarbeit in der Regel überall mit hinnehmen.

Konservativ und kleinbürgerlich?

In der weltweiten Stick-Community habe ich wahnsinnig talentierte Künstlerinnen (nicht nur, aber vornehmlich) kennengelernt, deren Arbeit ich gerne mit euch teilen möchte. Ich finde sie total inspirierend und Sticken hat auf einmal gar nichts mehr zu tun mit Konservatismus und Kleinbürgerlichkeit.

Eine der führenden Kreuzstich-Künstlerinnen ist die US-Amerikanerin Jody Rice, die farbenfrohe und moderne Muster entwirft, die den Oma-Kitsch überwunden haben, mit dem man Stickerei und insbesondere Kreuzstich bislang eher verbunden hat (Omas und Kitsch sind total ok für mich, aber bei den Handarbeiten hatten sie zu lange das Monopol). Rices Arbeiten sind nicht nur farblich und grafisch interessant, sondern auch, weil sie andere Trends wie zum Beispiel Lettering aufgreift und in ihre Muster integriert.

Ein von Jody Rice (@craftnik) gepostetes Foto am

Dass Stickereien wieder total en vogue sind, zeigt auch ein Blick in die Mode-Industrie. Klar, die floralen Elemente des Boho-Styles sind nie wirklich weg gewesen. Aber bestickte Sneaker wie die der Südafrikanerin Danielle Clough oder verzierte Bomberjacken sind erst seit kurzer Zeit wieder mehrheitsfähig.

Sticken ist nicht nur Handwerk, sondern Kunst

Im Grunde gibt es kaum etwas, das nicht bestickt wird. In manchen Städten sieht man hin und wieder bestickte Zäune, Geländer oder Parkbänke, die in Kunstaktionen verschönert werden. Apropos Kunst: Dass sich die Stickerei auf ein ganz neues Level hebt und viel mehr als ist als Dekoration – nämlich künstlerisches Ausdrucksmittel – zeigen tausende Künstler weltweit. Zwei von ihnen, deren Werke ich besonders schön finde, sind Odd Ana aus Portland, USA und siwooinparis aus Frankreich. Beide haben ihren ganz eigenen, unverkennbaren Stil mit dem Medium gefunden.

Ein von @siwooinparis gepostetes Foto am

Die Britin Emillie Ferris hat durch die Stickerei zu einer ganz besonderen Geschäftsidee gefunden. Sie fertigt individuelle Haustier-Portraits an. Die wunderschönen Bilder sind wirklich einzigartige Erinnerungsstücke, die so detailreich sind, dass sie fast fotorealistisch wirken. Die US-Amerikanerin Sarah K. Benning hat sich durch Stickbilder von Pflanzen einen Namen gemacht.

Sticken als Empowerment

Sticken ist aber nicht immer einfach nur schön. Es gibt viele „Craftivistinnen“ (eine Neuschöpfung aus den englischen Begriffen „craft“ und „activism“) wie zum Beispiel Hannah Hill aus London, die so feministische Botschaften zu Empowerment und Body-Positivismus verbreiten. Bei mit Blumen verzierten Eierstöcken oder auch sehr expliziten pornografischen Bildern entsteht ein ironischer Kontrast von traditionellem Medium und politischer Botschaft. Die ursprünglich bourgeoise Beschäftigungstherapie für Mädchen aus gutem Hause kann heute durchaus Ausdruck einer Protestbewegung sein. Und davon können wir in Zeiten, in denen sich das politische Klima so ungut verändert, gar nicht genug haben.

Merken

Merken

Merken

Merken

Das könnte dich auch Interessieren

Schreibe ein Kommentar