Ich bastle, also bin ich – DIY als Trend?

Millionen mit Marmelade. Diverse Online-Marktplätze machen enorme Umsätze mit Selbstgemachtem. Körbe werden geflochten, Handytaschen gefilzt, Obst eingekocht, Wandbehänge gewebt und Möbel getischlert. Und alles findet seine Abnehmer. Ist das Selbermachen ein neuer Trend oder eine Art natürlicher Zustand? Feiern wir durch den Rückzug an die Stricknadeln einen modernen Biedermeier oder kann DIY Ausdruck einer politischen Handlung sein?

DIY - Stricken macht schön

Stricken als Stressabbau – Von dem Trend profitieren die Hersteller: Rund 1,35 Milliarden Euro haben die Deutschen 2013 für ihre Handarbeitshobbies ausgegeben. Foto Unsplash/Nick Casale

Angus MacGyver läge heute voll im Trend. Mit einer Kartoffel im Auspuff den Verfolger an der Verfolgung hindern, das Leck eines Schwefelsäure-Tanks mit flüssiger Schokolade verschließen oder aus einem alten Kühlschrank und einer Propangasflasche einen Heißluftballon bauen. – Der US-amerikanische Serienheld der achtziger Jahre ist mit seinen improvisierten Reparaturen, waghalsigen Erfindungen und abwegigen Basteleien der Inbegriff dessen, was heutzutage unter dem Begriff Life Hacking zum Internetphänomen geworden ist.

Alltägliche MacGyverismen

Bomben durch frisch gepressten Orangensaft zu entschärfen, ist natürlich keine alltägliche Problemlösung. Life Hacks sind eher kleine Alltags-MacGyverismen. Nützliche Zweckentfremdungen. Eine Foldback-Klammer an der Tischkante dient als praktischer Kabelhalter. Einen Nagel mit der Wäscheklammer festzuhalten statt mit den Fingern verhindert blaue Daumen. Ungewachste Zahnseide eignet sich erstaunlich gut zum Schneiden von perfekt gleichmäßigen Tortenstücken. Life Hacking ist quasi ein Remix von Funktionen.

Angus MacGyver ist das Musterbeispiel eines solchen DJs. Dort, wo James Bond seine Probleme mit technischem Wunderwerkzeug aus Qs Werkstatt löst, improvisiert MacGyver mit den vorhandenen Ressourcen. Bond und MacGyver –  Prototypen von planerischem Ingenieur und erfinderischem Bricoleur. Diese Unterscheidung und das Konzept der Bricolage (frz. für Bastelei) gehen auf den französischen Ethnologen Claude Lévi-Strauss zurück. Seine Beobachtungen indigener Völker stelle er westlichen Traditionen gegenüber. Bricolage – das Ausprobieren, Kombinieren, Verwerfen und Neukombinieren mit und von vorhandenem Material – beschrieb er dabei als einen archetypischen Handlungsstil. Ich bastle, also bin ich?

DIY_Tischlern als Hobby

Wie befriedigend ein selbst gebautes Möbelstück ist, weiß nur, wer selbst mal eins getischlert hat. Foto Pixabay

Der Urmensch in uns

Der Urmensch steckt immer noch in uns. Je weiter wir uns von ihm entfernen, desto größer scheint die Sehnsucht nach ihm. Wir sind einer Welt voller Optionen überdrüssig geworden. Sind überfordert. Müde. Angestrengt. Unsere Arbeit hat sich zunehmend ins Immaterielle und Digitale verlagert und wir haben das Gefühl, den Anschluss zu uns selbst zu verpassen. Oder suggerieren uns das Werbung und Lifestyle-Magazine nur? Achtsamkeit und Mindfulness versprechen Abhilfe. Slow Food, Soul Food, Yoga, Detox und Decluttering unterstützen uns, uns allem Gift und Überfluss zu entledigen. Damit wir wieder stattfinden können. Durchatmen. Getting real.

DIY-Imkern als Entspannung

Immer mehr Menschen wollen Bienen halten – vor allem Großstädter. Foto Pixabay

Da scheint das Selbermachen nur wie ein weiterer Trend, der uns zu unserem Urmenschen zurückbringen soll. Bzw. heißt das jetzt etwas zeitgemäßer DIY – Do it yourself. So wie der Schrebergarten zum Urban Gardening geworden ist, die Selbsthilfe-Werkstatt zum Repair Café und der Hobbykeller zum Maker Space. Selbstversorger setzen heute ein Zeichen gegen die Konsumgesellschaft und finden Anerkennung, weil sie sich Unabhängigkeit von Produzenten bewahren. Früher galten sie einfach als Spinner.

Die Axt im Haus

Denn Fakt ist ja eigentlich: Das DIY war nie nicht da. Trotz Industrieller Revolution und Massenproduktion haben die Menschen immer Dinge „gemacht“. Der Stellenwert hat sich aber verändert. Was während der Kriege aus einem Mangel heraus Notwendigkeit war, galt im Wirtschaftswunder als altmodisch und irrational. Warum einen Anzug selbst nähen, wenn man ihn von der Stange kaufen kann? Wer sich etwas leisten konnte, leistete sich das auch. Dinge selbst zu machen, wurde ab jetzt vielmehr zu einem Hobby. Reparaturarbeiten an Haus und Hof zum Heimwerken. Ein “Beschäftigungsphänomen” nennt es eine Fernsehdokumentation aus den 60er Jahren. Der Siegeszug der Baumärkte, als Konzept aus Amerika kommend, begann. “Die Axt im Haus erspart den Zimmermann.”

Eine Dokumentation aus den sechziger Jahren zeigt, dass DIY kein so neuer Trend ist.

Fröhliches dilettieren

Über so eine Übung in Dilettantismus lässt sich natürlich vortrefflich spotten. Birger Priddat, Professor für politische Ökonomie an der Uni Witten/Herdecke, verurteilt im Online-Magazin factory die Attitüde der DIYler: „Anstatt etwas zu tun, worin man wirklich kompetent ist, dilettiert man in Bereichen, die andere sehr viel besser, schneller und billiger bearbeiten.“

Stimmt. Aber um effizientes und wirtschaftliches Arbeiten geht es beim Selbermachen gar nicht. Im Gegenteil, meistens ist es sehr viel teurer und aufwendiger gegenüber fertigen Produkten. Die Werte des DIY liegen woanders. Der US-amerikanische Soziologe Richard Sennett beschreibt in seinem Buch „Handwerk“, wie köstlich es für das Selbstwertgefühl ist, Dinge von Anfang an herzustellen. Beim Machen gehen Hand und Hirn eine punktgenaue Verbindung ein. Die so entstandenen Gegenstände tragen diese Aura in sich, sie erzählen von Fertigkeit und Fantasie, von Kenntnis des Materials. Sie sind konkret. Mit Sennett könnte man sagen: Indem man macht, findet man statt. Ich bastle, also bin ich. Eine kleine Rettung für den entfremdeten Menschen.

Der Hobby-Gärtner ist auch ein DIYler

Selbst gezogener Salat schmeckt am besten – und man weiß, was dran ist. Foto Pixabay

DIY: Weltflucht oder Befreiung?

Wer einmal das Glimmen in den Augen einer begnadeten Quilterin gesehen hat und zuhört, wie sie voller Stolz und Hingabe von ihren Werken redet, wird sich schwertun, das Selbermachen nur als elitäres Trendprojekt und als First World Phenomenon abzustrafen. Auch wenn da etwas dran ist. Selbermachen weckt Leidenschaft und stiftet Sinn. Kreativ zu sein gibt Kraft, macht Lust und Laune. Und ja: Wer Bier braut, Bienen züchtet, Bretter bohrt und leimt, Pullover strickt oder Möbel restauriert, denkt nicht den ganzen Tag über seine Probleme nach. Das Hobby war schon immer das Tor zu einer anderen Sphäre als die der Arbeit und des Alltags. Da durchzugehen muss man sich leisten können.

Die Journalistin Julia Friedrichs bewertet den Do it yourself-Trend im Zeit-Magazin als einen modernen Biedermeier und als Phänomen einer bestimmten Generation. Statt sich den drängenden Fragen der Gegenwart zu stellen, interessieren sich viele junge Menschen heute vor allem für Stressabbau und Handarbeit. Weil man sich selbst genug ist. Weil man resigniert hat. Der Rückzug aus dem öffentlichen Leben als Flucht aus der dröhnenden Welt.

DIY Keramik

Hobby-Töpfer sagen, dass der Umgang mit Ton und Schlick an der Drehscheibe eine magische Wirkung habe. Foto Pixabay

DIY als politisches Handeln

Eine solch bittere Wertung verkennt das Potential des Selbermachens. DIY ist nicht zwangsläufig trotzige Sehnsucht nach Entschleunigung, sondern ist mitunter selbst politisches Handeln. Recycling und Upcycling stehen beispielhaft für einen Widerwillen gegen eine Wegwerfgesellschaft. Repair Cafés, in denen sich versierte Bastler und handwerklich oder technisch eher Unbegabte bei Kaffee und Kuchen treffen, damit das kaputte Küchenradio vom Know-How des Gegenübers profitiert, wertschätzen den Gemeinsinn. Das Internet mit seinen zahlreichen Foren, Blogs und Communities schafft Freiräume, in denen Kulturtechniken weitergegeben werden und gemeinschaftlich an ihnen gearbeitet wird. Die ganze Open Source Ecology lässt sich dazuzählen, denn längst ist mit DIY nicht mehr nur die physische Tätigkeit gemeint. Du brauchst ein Programm? Dann schreib es dir. All das sind kleine politische Handlungen, die an dem mitschreiben, was wir Öffentlichkeit nennen. Wir sind eben auch, weil wir basteln.

 

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