Ausmisten für den Seelenfrieden

Minimalismus, Decluttering. Ausmisten ist in. Neumodischer Schnickschnack? Genau wie Matcha-Tee, Rainbow-Hair und Kylie Jenner wird auch dieser Trend bald in Vergessenheit geraten. Oder?

Minimalismus klang für mich immer so nach Öko-Dasein und mit spitzem Mund ausgesprochenen Phrasen à la „Das brauch ich alles nicht, ich umgebe mich nur mit minimalistischen Dingen, die mir die Natur schenkt.“ Unweigerlich musste ich dann an Öff! Öff! denken, den aus eben diesen Gründen bekannt gewordenen Aussteiger, der dem Konsum entsagte und eine Zeit lang im Wald lebte. Da hatte ich mich wohl geirrt.

Ausmisten ist nichts Neues. Seit dem Teenageralter verspürte ich mindestens einmal im Quartal den großen Wunsch meinen Kleiderschrank auszumisten. Immer jedoch aus dem falschen Grund: Kein Platz mehr und doch nichts zum Anziehen. Die hässlichen Sachen müssen weg und schönere dafür her. Meistens lief es darauf hinaus, dass ich mich nicht trennen konnte und zweite Reihen im Kleiderschrank einführte. Vielleicht mal zum Fasching oder fürs Malern, so die Devise.

So ging das viele Jahre, nicht nur bei den Klamotten, sondern auch bei all dem anderen Krimskrams, der sich so ansammelt. Bei all meinen drei Umzügen war für den Vorsatz, beim Kisten packen rigoros auszusortieren, plötzlich keine Zeit mehr. Egal, mach ich dann beim Auspacken, dachte ich und stopfte dann doch jedes Mal alles zurück in den frisch aufgebauten Schrank. Tür schnell zu, bevor was rausfällt. Aus den Augen, aus dem Sinn. Denkste. Denn seit geraumer Zeit machte sich langsam, aber stetig eine diffuse Unzufriedenheit in mir breit. Ich konnte nicht ganz greifen, was es war, aber es machte mich träge, unmotiviert und unglücklich.

Den schweren Kopf gelangweilt in die Hand gestützt, scrollte ich durch meinen Facebook-Feed, als ein Artikel über Minimalismus meine Aufmerksamkeit auf sich zog. Einen Klick später verschwand ich für die nächsten Stunden in einem Wust an Artikeln und YouTube-Videos. Ich stolperte sehr bald über “The Minimalists” (www.theminimalists.com), die sich dieses Thema zum Beruf gemacht haben und mit einem Blog, einer Dokumentation und Vorträgen die Kunde des „Weniger ist Mehr“ verbreiten. Alles was ich da las, hörte und sah klang so verdammt richtig. Schon bei dem Gedanken daran fühlte ich mich leichter. Mein Kopf hielt sich nun auch von ganz allein auf meinen Schultern.

Wo soll ich anfangen?

Die Hartgesottenen beginnen ihr minimalistisches Leben mit einer „Packing Party“, bei der sie all ihr Hab und Gut, wie bei einem Umzug in Kisten verpacken, alles gut beschriften und nach und nach nur das auspacken, was sie tatsächlich benötigen. Alles, was nach drei Wochen noch immer eingepackt ist, wird rigoros weggeschmissen, verkauft oder verschenkt. Auf diese Weise wird man laut Ryan Nicodemus, einem der Minimalists, circa 80% seines Besitzes los. Und das ist ganz und gar positiv gemeint. Ganz so extrem will ich nicht starten und stoße glücklicherweise auf eine etwas harmlosere und deshalb machbarere Methode. Ich miste systematisch aus. Und es wäre nicht das Internetzeitalter, wenn es dafür nicht einen mit einem Hashtag versehenen Namen gäbe.

#DeclutteringChallenge

Anstatt also meinen ganzen Besitz in Kisten zu verpacken – allein bei dem Gedanken bekomme ich Rückenschmerzen – nehme ich mir jeden Tag ein bisschen vor und dann immer ein bisschen mehr. Muss ich an Tag 1 nämlich nur ein Teil loswerden, sind es an Tag 5 fünf Dinge und an Tag 28 – du hast es erfasst. In 30 Tagen muss ich mich also von 465 Dingen aus meiner Wohnung getrennt haben.

Das geht mir in den ersten Tagen besonders leicht von der Hand.  Schon bei einem flüchtigen Blick ins Wohnzimmer stechen mir auf Anhieb gleich mehrere Kandidaten ins Auge. Die zwei Lebkuchenherzen, die keiner mehr essen mag und die nur mäßig zur Dekoration beitragen. Die silberne Etagere, auf der sich alles ansammelt (Kassenbons, Hustenbons), nur noch nie hübsch drapierte Lebensmittel. Bei genauerem Hingucken macht sich eine furchtbare Sammelleidenschaft bemerkbar: Kisten, Kästchen, Truhen. Allein von meinem Schreibtisch aus erblicke ich verdammt noch mal 28 davon. Große, kleine, geblümt, gestreift, aus Holz, aus Korb, aus Stoff, ohne Deckel, mit Deckel, als Truhe und überhaupt. Jede für sich hat ihren ganz eigenen Charme. Alle zusammen in einem Raum verursachen ein optisches Chaos. Schaut man in die Kisten rein, geht das Chaos weiter, sammelt sich hier wieder allerlei Kram, den niemand mehr braucht. Warum nochmal stehe ich so auf diese Kästchen?

Das muss alles weg oder zumindest reduziert werden. Auch der Kleiderschrank wird nun rigoros aussortiert. Mein neuer Trick für das “Ich-kann-mich-nicht-trennen”-Syndrom: Ich zwinge mich das Teil ein paar Stunden lang zu tragen. Manchmal entdecke ich dadurch ein fast vergessenes Kleidungsstück wieder, manchmal fühle ich mich nach nur wenigen Minuten total unwohl. Da fällt die Entscheidung leicht. Für guterhaltene Kleidung, Bücher, Dekorationen und Kleinstmöbel habe ich meinen ebay-Account wieder aufleben lassen. Alles andere wird gespendet, verschenkt oder kommt in den Müll.

Das Fazit

Nach 30 Tagen, mehr oder weniger kontinuierlich durchgezogen, habe ich noch nicht genug. Eher habe ich Blut geleckt. Ich will mehr. Beziehungsweise weniger. Der selbstauferlegte Zwang mich von Dingen trennen zu müssen, ist zum Spiel geworden. Ich schaue mit einem anderen Blick auf meine Besitztümer. Da schießt mir nicht nur die Frage: “Brauch ich das noch?” in den Kopf, sondern vor Allem auch die Frage: “Bin ich das noch?” Ich habe mich neu kennengelernt, bin mir meines Stils bewusster geworden. Ich habe mich von Dingen getrennt, die ich an Tag 1 noch für absolut essentiell hielt. Und das ist herrlich befreiend.

Neue Anschaffungen haben es nach einer solchen Entrümpelung recht schwer. Das auf Minimalismus konditionierte Hirn scannt nun alles genau ab. Brauch ich das? Geht es auch ohne? Kann ich das nicht auch vielleicht selbst machen? Das Zauberwort heißt Upcycling. Das spart Geld und macht stolz. Und es fühlt sich fantastisch an, wenn dir das Wenige, was du besitzt, so richtig viel bedeutet.

Wenn du noch mehr wissen möchtest, höre doch mal mein Interview mit dem Deutschlandfunk!

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