6-Stunden-Tage als Selbständige – die Auswertung

Als Selbständiger hat man – zumindest in der Theorie – die Möglichkeit, seine Arbeitszeit selbst zu organisieren und die Arbeitsweise so zu gestalten, wie man es für richtig hält. Dem wollten wir ganz bewusst auf den Grund gehen und haben versucht, nur noch sechs Stunden am Tag zu arbeiten. Wir wollten sehen, was das mit uns und unserem Blick auf die Arbeit macht.

Die Gedanken, die zum Versuch geführt haben, kannst du in meinem Blog-Beitrag 6-Stunden-Tage als Selbständiger – Der Plan nachlesen.

Der Mensch ist ein Gewohnheitstier

Es ist gar nicht so leicht, alles nachvollziehbar in Worte zu fassen, was seit dem Experiment-Beginn in meinem Kopf zum Thema Arbeitszeit und Selbständigkeit passiert. Eines vorab: es war irgendwie klar, dass eine Woche gar nicht reichen kann, daher sind seit Experimentbeginn schon drei Monate vergangen und wir nennen es nicht mehr Experiment. Wir arbeiten (bzw. versuchen es) jetzt einfach so weiter.

In den ersten Tagen, war es einfach nur komisch, nach sechs Stunden die Maus loszulassen und sich zu sagen: “Das muss jetzt bis morgen warten.” Das ist uns tatsächlich auch nicht wirklich gelungen. Wir haben häufig “überzogen”. Aber statt zehn Stunden waren wir vielleicht nur sieben oder acht Stunden im Büro. Immerhin.

 

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Außerdem arbeiten wir häufig am Wochenende, weil wir beispielsweise Workshops geben oder auf einen Markt fahren. Dann konsequent den folgenden Montag oder sogar den Dienstag zu Haus zu bleiben, ist nicht wirklich drin. ABER: an diesen Tagen nicht voll zu arbeiten, sondern nur sechs Stunden fällt schon leichter und man ist nicht so grantig, weil man gar kein Tageslicht mehr sieht.

Nicht alle Aufgaben eignen sich außerdem für einen 6h-Tag. Wenn wir händisch arbeiten, weil wir beispielsweise Turnbeutel bedrucken oder Holz schleifen etc., werden wir nicht unbedingt schneller und effizienter, weil der Arbeitstag kürzer ist. Bei kreativen Prozessen wie der Erstellung von Konzepten usw. sieht das anders aus. Das Gehirn kann sich gar nicht so lange konzentrieren und effektiv arbeiten. Man wird eher noch langsamer, je länger man dran sitzt. Für solche Tage eignet sich eine verkürzte Arbeitszeit schon eher. Einen spannenden Artikel dazu findest du bei Edition F!

Die Arbeitszeit ist nicht das einzige Problem

Es fällt schwer, unseren Versuch auszuwerten, da wir auf viele Dinge aufmerksam wurden, die abgesehen von der Arbeitszeit noch nicht optimal laufen.

Uns war klar, dass es keine empirische Studie mit wissenschaftlichem Anspruch wird. Uns war aber genauso klar, dass wir dennoch wertvolle Erkenntnisse für unseren Arbeitsalltag erhalten würden. Da wir immer noch in der Gründung stecken und versuchen, uns in dem riesigen Themenfeld zurechtzufinden, war die erste Erkenntnis: Wow, wir haben keinen Arbeitsalltag.

Wir haben zwar bereits vor längerer Zeit damit begonnen, unserer Woche Struktur zu geben. Beispielsweise haben wir am Montag immer unseren “stillen Tag”, an dem wir uns um Buchhaltung, Papierkram, Bestellungen etc. kümmern. Freitags ist es hingegen lauter und bunter, da wird gebastelt und Neues ausprobiert (z. B. für Workshops oder Blog-Beiträge). Und auch in den drei Tagen dazwischen gibt es Termin-Blöcke für bestimmte wiederkehrende Aufgaben. Aber irgendwie klappt das nicht so recht. Es müsste noch mehr Struktur rein und vor allem müssten wir uns auch noch besser daran halten! UND es müsste Platz für Puffer sein. Denn es passiert viel außer der Reihe. Da wird spontan eine Veranstaltung geplant, man kümmert sich um Presseanfragen oder besondere Kundenwünsche. Es krankt also an mehreren Stellen: die Arbeit und ihre Erledigungszeit richtig einschätzen, Aufgaben mit Struktur angehen und Luft lassen für spontane Dinge. Ein dickes Learning für uns.

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Sich selbst nicht als selbstverständlich nehmen

Vor allem die Vorgabe, keine Überstunden zu sammeln und/oder zu Hause zu arbeiten, hat meine Wahrnehmung geändert. Mir ist zuvor zwar irgendwie schwammig bewusst, aber nicht so wirklich klar gewesen, wie viel Arbeit man mit nach Hause nimmt. Da werden “ganz nebenbei” Mails gecheckt, ein Instagram-Post verfasst oder Blog-Beiträge geschrieben. Ja, ganz genau wie dieser hier. Eigentlich habe ich heut schon 7h (…) im Büro gearbeitet. War nach dem Feierabend noch Besorgungen für die Firma machen und sitze jetzt hier, weil ich diesen Text schreibe. Was die Arbeitszeithygiene angeht, hat mir das Experiment schon relativ schnell gezeigt, wie unsauber wir mit unserer Zeit umgehen. Alles fließt ineinander und man schaltet überhaupt nicht ab. Das ist auf jeden Fall eines der größeren Probleme und für mich ein wichtiger Denkanstoß gewesen.

Dann gab es auch Tage, da hat mich unser Experiment richtig gestresst, weil ich wusste, dass soooo viel zu tun ist in viel weniger Zeit. Also bin ich noch hektischer geworden als sowieso schon. Und hab heimlich am Sonntag gearbeitet. Mist.


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Dann gab es Tage, an denen es mir leichter fiel, Feierabend zu machen. An denen habe ich dann allerdings nicht selten bemerkt, dass ich gar nicht richtig weiß, was ich mit Freizeit anstellen soll. Irgendwie fühlt es sich einfach komisch an, ab 15 Uhr Zeit zu haben. Gerade die ersten Male schwang noch so eine Aufregung und schlechtes Gewissen mit, ein bisschen wie beim Blaumachen. Ich hab mich hin und wieder dabei ertappt, dass ich dachte: Ach, jetzt hast du endlich Zeit, für das Projekt zu recherchieren oder die Kalkulation für die Idee zu machen. Als hätte mir jemand Bonus-Stunden für die Arbeit geschenkt statt für die Freizeit. Also hab ich versucht, bewusster frei zu haben. Hört sich blöd an, braucht aber echt Übung. Also hab ich was Schönes gekocht oder gebacken, meine Eltern zum Kaffee besucht oder war einkaufen, ohne durch die Gänge zu rennen wie eine Bekloppte.

Offline ist der neue Luxus?!

Ich habe außerdem damit angefangen, nach dem Feierabend und vor der Arbeit keine Mails mehr zu checken. Das muss einfach warten können. Aber man hängt da so drin: nur noch schnell gucken, wieviel Verkäufe heut noch waren oder ob sich noch wer für den Workshop angemeldet hat. Und Zack! Beantwortet man doch noch die ein oder andere Mail und beginnt, sich zu kümmern. Klar schwingt da die Hoffnung mit, so den Workload für den nächsten Tag zu reduzieren. Aber das ist Bullshit. Erstens ist man nicht fokussiert – #dolessfocusmore – und man ist gestresst, weil man ja eigentlich Feierabend hat und seine Batterien für den nächsten Tag aufladen sollte. Dass offline der neue Luxus ist, liest man gerade häufiger und da ist auch was dran. Leider.

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Das mit der Freizeit und dem Offline-Sein hat außerdem einen Effekt, bei dem sich die Katze in den Schwanz beißt: Wenn Freiräume im Kopf entstehen, weil man gerade nicht arbeitet, kommen auch die Ideen und man kriegt voll Bock zu arbeiten. Ich versuch das ab jetzt auf zwei Arten zu lösen. Einerseits schreib ich die Ideen auf und krieg sie so vorerst aus dem Kopf, bis Zeit dafür ist. Oder ich arbeite und versuche die Zeit an anderer Stelle freizunehmen. Aber wirklich!

Und sonst so?

Wir brauchen mehr Struktur und sollten noch besser lernen, die Arbeitszeit, die wir für verschiedene Projekte annehmen, realistisch einzuschätzen, um so von vornherein nicht zuviel auf dem Zettel zu haben. Außerdem müssen Strukturen her, die ein effizientes Arbeiten möglich machen. In einem Artikel von Vice wird das ähnlich gesehen, das Problem sei nicht unbedingt die Arbeitszeit sondern die fehlende Fokussierung, der Versuch zu multitasken. Das steht bei uns jetzt also ganz groß auf dem Zettel. Wiederkehrende gleiche Aufgaben sollten einen festen Platz bekommen und wir müsste schauen, wie wir diese effizienter gestalten können.

Dann gibt es ja auch, noch viele, viele Tools, die einem helfen, sich besser zu organisieren. Wer da einen guten Tipp hat, schreibt den bitte bitte in die Kommentare!

 

Für uns ist der Versuch so oder so ein Erfolg gewesen. Wir haben inne gehalten und unsere Arbeitsweise reflektiert und sind jetzt fleißig am Nachbessern. Außerdem fühlen wir uns gerade wieder etwas normaler und weniger kurz vorm Durchdrehen. Wir haben mehr Energie für die Dinge, die wir noch vorhaben. Eine Chance ist auf jeden Fall die Unterschiedlichkeit unserer Aufgaben: Kommt man kreativ nicht weiter, kann man gut mal eine Aufgabe machen, bei der das Gehirn nicht so viel arbeitet, z. B. Kartons falten oder Stoff zuschneiden. Jetzt müssen wir nur noch alles ins Gleichgewicht bekommen!

Ein Kommentar zu “6-Stunden-Tage als Selbständige – die Auswertung

  1. Pingback: Offline ist der neue Luxus – ab und zu mal abschalten! muckout.de

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